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Reflex-Verlag Thema: Gesundheit

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Gesundheit

 

Gesund zu leben, wie geht das eigentlich? Kein Mensch ist wie der andere. Und Körper und Seele sind ein komplexes Geflecht von Chemie, Physik und Psyche. Ohne die Meinung und die Expertise von Experten ist hier kein Durchbruch zu erzielen. Wir sortieren, beschreiben, analysieren und formulieren die besten Tipps und Regeln.

"Die Medizinprodukteindustrie beschäftigt in Deutschland über 170.000 Menschen und investiert rund 9 Prozent ihres Umsatzes in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte und Verfahren." Manfred Beeres, BVMed

 

Artikel aus Ausgabe 03/2016

Volkskrankheiten

Medienpartner: Die Welt

Hirnchemie aus dem Gleichgewicht

Das Kind kommt frustriert von der Schule, weil es wieder Ärger mit den Lehrern hatte, wirkt unkonzentriert und kann kaum still sitzen? Häufig steht der Verdacht auf eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Raum. Laut Robert Koch-Institut (RKI) leiden rund fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland darunter.

ADHS bezeichnet eine Störung der Selbstregulation und Selbstkontrolle: Betroffenen fällt es schwer, ihr eigenes Verhalten gezielt zu steuern. „Kindern, die an ADHS leiden, gelingt es oftmals nicht, konzentriert an einer Aufgabe zu arbeiten und ihr Umfeld auszublenden“, erklärt Johannes Streif vom Verein ADHS Deutschland. „Sie lassen sich leicht ablenken – der stärkste äußere Reiz gewinnt.“

Keine einfache Diagnose

Warum es das eine Kind trifft und das andere nicht, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Klar ist: Die erbliche Veranlagung spielt eine Rolle. Aber auch das soziale Umfeld sowie neurobiologische Faktoren können von Bedeutung sein. Nicht jedes lebhafte Kind hat ADHS. Die Abgrenzung ist für den Laien oft schwierig, doch guter Rat ist nicht teuer: Erfahrene Kinderärzte, Psychotherapeuten und Psychiater können einschätzen, ob Handlungsbedarf besteht. „Die Diagnose zu stellen, braucht Zeit. Der Arzt oder Psychotherapeut muss das Kind sehen, andere Erkrankungen wie beispielsweise eine Angststörung ausschließen und auch das soziale Umfeld befragen“, erklärt Peter Lehndorfer, langjähriger Kinder- und Jugendlichentherapeut sowie Vizepräsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Obwohl immer häufiger von der „Volkskrankheit ADHS“ die Rede ist, hat sich die Diagnosehäufigkeit laut RKI in den letzten Jahren nicht verändert. „Das Bewusstsein in der Bevölkerung für diese Störung ist jedoch deutlich gewachsen“, so Streif. Behandlungsbedürftige Symptome der ADHS können im Erwachsenenalter fortbestehen – betroffen sind hiervon etwa zwei Prozent der Bevölkerung.

Neue Studie erforscht ­Therapiekonzepte

Eine bundesweite Studie namens ESCAlife will nun herausfinden, in welcher Altersgruppe welche Therapieangebote am besten helfen. So könnten in Zukunft maßgeschneiderte Konzepte möglich werden. Denn Optionen gibt es viele. Bei der multimodalen Therapie greifen mehrere Rädchen ineinander: Betroffene lernen in der Psychotherapie, ihr Verhalten besser zu steuern und ihren Alltag zu strukturieren, Eltern erfahren in speziellen Coachings, wie sie ihr Kind unterstützen können. Gegebenenfalls helfen auch Methoden wie Neurofeedback oder eine spezielle Ernährungsweise. Eine große Rolle bei der Behandlung spielt die medikamentöse Therapie. Dazu Lehndorfer: „Medikamente können Kindern helfen, ihren Alltag besser zu organisieren. Die Vergabe sollte aber überwacht und in ein Gesamtkonzept eingebettet werden, zu dem unter anderem auch die Psychotherapie gehört.“ Bausteine gibt es also viele – der Schlüssel zum Erfolg ist, sie richtig zu kombinieren.

Von Katja Müller

Artikel aus Ausgabe 12/2015

Männersache

Medienpartner: Die Welt

Drahtseilakt zwischen Kosten und Nutzen

Zur Urologie zählen viele verschiedene Teildisziplinen der Medizin. Beim Mann sind diese vor allem die Genitalien und die Organe des Harntrakts. In dem breiten Spektrum zwischen Prostata- und Harnwegserkrankungen, Tumoren und Steinen in Nieren oder Harnleiter werden moderne Untersuchungsmethoden und Möglichkeiten der Therapie ständig weiter entwickelt.

Generell gilt, dass die moderne Urologie nicht mehr nur eine möglichst rasche und dauerhafte Heilung von Erkrankungen zum Ziel hat. Vielmehr wird ein eher ganzheitlicher Ansatz verfolgt, bei dem möglichst wenig und schonend operativ eingegriffen und stets der Erhalt wichtiger Organfunktionen im Blick gehalten wird. Ist eine Operation nicht zu vermeiden, so wird diese nach Möglichkeit minimal-invasiv durchgeführt, etwa als laparoskopisches Verfahren, oder mithilfe von Lasern. Heute kommen auch immer öfter roboterassistierte Operationstechniken zum Einsatz, zum Beispiel bei der nierenerhaltenden Tumorchirurgie.

Revolution in der Frühdiagnostik

Bei Modernisierung und Neuentwicklung gilt es natürlich immer, Kosten und Nutzen abzuwägen, denn gerade neue Behandlungsmethoden oder Geräte sind zu Anfang meist teuer, während der Arzt nicht auf lange erprobte Erfahrungen zurückgreifen kann. Im Bereich der Operationen des Prostatakarzinoms etwa, das nach jüngsten Zahlen die häufigste Krebserkrankung und die dritthäufigste Todesursache bei Männern in Deutschland ist, revolutionierte die PSA-Bestimmung im Blut (prostataspezifisches Antigen) in den achtziger Jahren die Frühdiagnostik. „Früher war die Tastuntersuchung der Prostata über den Darm die einzige Früherkennung“, sagt Michael Sohn, Chefarzt der Urologie am Agaplesion Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main. „Heute wird ein Großteil der Operationen mittels robotergestützter laparoskopischer Technik durchgeführt. Auch die Bestrahlungstechniken wurden erweitert, etwa um die Protonentherapie oder Partikelbestrahlung.“

Prostatakrebs wächst nur langsam

Aktuell überschlügen sich nahezu Publikationen zu den Vorteilen der MRT-gestützten Fusions-Prostatabiopsie, sagt Sohn: „Mit dieser Biopsie können gezielt winzige Areale der Prostata anpunktiert werden. Es wird dann nach Möglichkeiten gesucht, diese Areale der Prostata gezielt zu zerstören, ohne die Gesamtdrüse zu entfernen.“ Das Problem aller dieser sogenannten fokalen Therapieformen sei jedoch, dass sich bei rund 50 Prozent aller radikalen OP-Präparate zusätzliches Tumorwachstum an anderen Stellen der Prostata entwickle, wo es zuvor bei der systematischen Biopsie als negativ befunden worden sei. Zugleich wachse Prostatakrebs häufig nur langsam, so dass es bei individuell günstiger Prognose auch denkbar sei, zugunsten einer engmaschigen Überwachung ganz auf eine Therapie zu verzichten. „Die Zukunft“, so der Urologe, „liegt in der Diagnostik und Therapie des Prostatakarzinoms in einer personalisierten individuellen Medizin.“ Neue Verfahren der Molekulardiagnostik und große Daten-Analysen aus medizinischen Studien würden in den nächsten Jahren eine Risikostratifizierung ermöglichen, meint Sohn: „Sie wird vielen Patienten eine minimierte und maßgeschneiderte Therapie bei Prostatakrebs ermöglichen.“

Von Alexandra Grossmann