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Reflex-Verlag Ausgabe 2011/07

Verkehr der Zukunft

Eine Sonderveröffentlichung des Reflex Verlages

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Inhaltsindex
  • 4
    Grüne Welle oder stop and go!

    Innenstädte versinken im Verkehrschaos, der Gütertransport via Straße nimmt Überhand, die Umwelt leidet. Gesamtkonzepte für Mobilität fehlen. Was tun?

  • 6
    Mehr Alltagstests für Elektroautos

    Vertrauen in die E-Mobilität entsteht nicht durch Reden, sondern durch Fahren. Experten fordern bessere Angebote für Testfahrten.

  • 9
    Branche schraubt am Auto 2.0

    Noch ist das Auto eine internetfreie Zone. In Kombination mit Assistenzsystemen soll es bald den Komfort und die Sicherheit erhöhen.

  • 10
    Elektronen treiben Motoren an

    Viele zukunftsweisende Technologien stecken im Versuchsstadium, den endgültigen Durchbruch hat noch kein Aggregat geschafft.

  • 12
    Zwischen Klimaschutz und Mobiliät

    Dank Globalisierung zirkulieren immer mehr Güter in den Transportnetzen. Dabei muss es möglich sein, die CO2-Emissionen zu reduzieren.

  • 12
    Einfach reisen

    Die Fortbewegung per öffentlicher Verkehrsmittel gleicht oft einem Hürdenlauf.
    Transparenz, Tempo und Verständlichkeit sind verbesserungswürdig.

  • 13
    Velos erobern die Städte

    Umsatteln auf die Mobilität per Fahrrad ist nicht nur gut für die Gesundheit. Es könnte auch Verkehrsprobleme lösen.

  • 14
    Auf den richtigen Dampfer setzen

    Kombinieren statt konkurrieren: Im richtigen Mix von Lkw, Schiff, Flugzeug und Schiene liegt die verkehrstechnische Zukunft.

  • 15
    Städte ohne Staus

    Metropolen werden größer, der Verkehr immer dichter. Um den totalen Transportkollaps zu vermeiden, müssen neue Infrastrukturen geschaffen werden.

Editorial

Verkehr der Zukunft: Mehr Fahrrad, weniger Auto

"Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Modeerscheinung."
Diese Abschätzung des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II ist nicht hundertprozentig belegt, aber wurde tausende Male zitiert. Sie ging auch kaum mehr daneben als zahlreiche Prognosen ausgewiesener Fachleute. Die Reden des VDA-Präsidenten Wissmann und der Vorstandsvorsitzenden großer Autohersteller klingen ähnlich anachronistisch wie die Worte des Pferdefreundes Wilhelm, wenn sie den Gipfel des Fortschrittes immer wieder in der Premiumklasse finden, in Autos, die mit 250 PS theoretisch 250 Kilometer schnell über Autobahnen rasen können. Es ist von entscheidender Bedeutung für den Verkehr der Zukunft, ob die internationale Staatengemeinschaft die Kraft findet, den drohenden Klimakollaps mit konkreten Maßnahmen zu bekämpfen.

Die EU plant für 2020 einen Flottengrenzwert für Pkw von 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Das entspricht einem durchschnittlichen Verbrauch von weniger als vier Liter pro 100 Kilometer. Das ist ambitioniert, weil es die Autoindustrie bisher geschafft hat, mit falschen Versprechungen eine sachgerechte Grenzwertsetzung zu verhindern. Sie wird auch mit allem, was sie hat, gegen den ambitionierten Grenzwert ankämpfen. Aber die nächste Bundesregierung wird nicht mehr blind folgen. Und viele EU-Staaten wissen inzwischen, dass sparsame Autos helfen, nationale Klimaziele zu erreichen.

Dessen ungeachtet, nicht nur Pkw, auch Bahnen, Busse, Lkw und Flugzeuge müssen effizienter werden. Auch Kraftstoffe aus Biomasse und regenerativ erzeugter Strom sind zu kostbar, um in überdimensionierten Maschinen verschwendet zu werden. Um Biokraftstoffe entbrennt schon heute eine heftige Konkurrenz zwischen Flug- und Autoindustrie, die den begrenzten Stoff beide für unverzichtbar halten. Elektroautos bleiben auf absehbare Zeit teuer und auf Reichweiten von 100 bis 150 Kilometer beschränkt. Sie haben wie Brennstoffzellenautos nur eine Chance, wenn die Emission von CO2 stärker reglementiert und besteuert wird. Kurz gesagt: Sprit wird teurer werden – aus Gründen des Klimaschutzes und aufgrund zunehmender Konkurrenz um eine knappe Ressource.

Die Trendforscher sind sich einig, die Dominanz des Autos erodiert! Die jungen Eliten sind extrem mobil, aber das Auto verliert seine imageprägende Kraft. Das Smartphone und dessen kompetente Nutzung sind statusrelevanter als das Auto auf dem Parkplatz. Der Autobesitz wird spürbar abnehmen. Autos werden stärker geleast, geteilt. Das hat den Vorteil, dass je nach Nutzungszweck das geeignete Auto gewählt werden kann: der elektrisch betriebene Kleinwagen in der Stadt, der Diesel-Van für den Wochenend-Familienausflug, das Cabrio für die Spaßfahrt am Wochenende. Das Auto gewinnt an Bedeutung als Taxi und Car-Sharing-Fahrzeug – als öffentliches Auto, das mehr fährt und seiner Bestimmung endlich gerecht wird: zu bewegen. Das Auto in Privatbesitz, das über 23 Stunden täglich ein Stehzeug ist, wird zum Auslaufmodell.

Der Modal Split, die Verteilung des Verkehrs auf verschiedene Verkehrsträger, ändert sich nur langsam. Dennoch wächst der öffentliche Verkehr stetig. Eindeutiger Gewinner der Gegenwart ist aber der Fahrradverkehr. Fortschrittliche Stadt- und Verkehrsplaner haben in Kopenhagen dafür gesorgt, dass dort inzwischen mehr Wege mit dem Fahrrad als mit dem Auto zurückgelegt werden. Auch viele deutsche Städte erleben einen Boom. Selbst in Berlin, bei der Fahrradinfrastruktur noch Nachzügler, steigen immer mehr Menschen aufs Rad, auch Abgeordnete des Bundestages, Lobbyisten und Journalisten, weil sie schlicht begreifen, dass man im Regierungsviertel am schnellsten mit dem Rad unterwegs ist. Die Kommunen sind vor neue Herausforderungen gestellt. Nachdem die Luft in den Städten durch Katalysator und Partikelfilter sauberer wurde, erobern die Menschen den öffentlichen Raum zurück. Lebenswerte Städte und klimagerechte Mobilität passen bestens zusammen. Schwierig wird es beim Flug- und Güterverkehr, die in allen Prognosen stark zulegen. Die Politik muss und wird die Schieneninfrastruktur ausbauen, die Lkw-Maut weiterentwickeln und Kerosin endlich besteuern. Der Güterverkehr ist nur in einem integrierten System, also intermodal mit Bahn, Lkw und Schiff zukunftsfähig. Die Menschen werden in Zukunft mindestens so mobil sein wie heute. Aber Mobilität bemisst sich nicht an der Zahl der zurückgelegten Kilometer, sondern an der Qualität der Ortsveränderungen. Mobilität wird multimodal. Die Abhängigkeit vom eigenen Auto nimmt ab, die Freiheit nimmt zu.

Gerd Lottsiepen
Verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclub VCD

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